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Jazz?

Geht das als Christ?

von Sonja B. Neidhardt

erstellt am: Di.28.4.2020 / aktualisiert am: ...

Lesezeit ca. 15 Minuten

 

Musik und christlicher Glaube sind seit jeher eng verbunden, auch wenn die Geschmäcker und Stile sich wandeln. Musik ist eine universelle Sprache, die jeder versteht, weil sie das Herz tiefer anspricht als Worte allein.

Ein umstrittener Musikstil für den Lobpreis ist der Jazz. Kann Jazz den Lobpreis bereichern? Jazz, geht das als Christ?

Warum denn nicht?

Jeder Mensch ist einzigartig. Jeder drückt seinen Glauben anders aus. Auch in der Musik.

Ja, ich kenne die aktuellen heftigen Diskussionen in der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten, was denn überhaupt als Lobpreismusik geeignet sei, denn ich fühle mich selbst einer Adventgemeinde am Ort zugehörig und beobachte deshalb die umtriebigen Diskussionen auf bundesweiter Ebene aufmerksam. Ich gehe sehr gerne in meine Ortsgemeinde der Siebenten-Tags-Adventisten. Auch dort gibt es leider kaum moderne Lobpreismusik und musikalische Facetten in Richtung Jazz sind dort eher nicht so gerne gesehen, selbst wenn an der Aussage des Gesanges nichts auszusetzen wäre. Schade. Auch etliche andere Adventgemeinden in Deutschland habe ich bereits besucht. Die dort anzutreffenden Musikstile sind sehr unterschiedlich, wie auch in allen anderen christlichen Gemeinden. Sicher gibt es in vielen Gemeinschaften, egal ob katholisch oder evangelisch oder freikirchlich Diskussionen darüber, welche Art von Musik denn als Lobpreismusik geeignet sei.

Abhängig ist der Tenor der Diskussionen meist von der Altersstruktur in der Gemeinde oder von den familiären Prägungen der Mitglieder. So findet man vor allem in jüngeren und größeren Gemeinden modernere Musikstile, während kleinere Gemeinschaften mit eher älterem Durchschnittsalter althergebrachte Lobpreismusik bevorzugen, die zumeist in den Jahren um 1900 komponiert wurden. Die einen sagen, nur klassische Kirchenmusik sei zulässig, andere sagen modernere Musik wäre schon ok, wieder andere sagen, Schlagzeug wäre vom Teufel, dann gibt es auch noch Christen, die würden sich sogar Hardrock- E-Gitarrenklänge im Lobpreis wünschen.

In Liebe zum Herrn

Wenn ich ein Jazzstück für den Herrn komponiere, dann ist es Lobpreis, wenn ich das in Liebe zum Herrn Jesus Christus tue. Wenn ich ein Jazzstück über die Liebe eines Mannes zu seiner Frau spiele, dann widerspricht auch das nicht gegen das Wort Gottes. Anders verhielte es sich schon, wenn  die Grundaussage eines Musikstückes wilden Beischlaf thematisieren würde. So ein Musikstück wäre natürlich für den Gottesdienst völlig ungeeignet, weder mit Gesang noch instrumental.

Die Diskussion um den Jazz im Lobpreis erinnert mich an die gesetzlichen Diskussionen der katholischen Kirche im Mittelalter, als sich die Musik weiterentwickelte und wo man zuerst die kompletten Zwölfton-Tonleitern und dann später die Septakkorde als teuflisch bezeichnet hat. Septakkorde werden aber auch heute zuhauf in der Lobpreismusik praktisch aller Gemeinden verwendet. In der Bibel steht übrigens auch nirgends, welche Musik man nicht machen darf oder welche man machen muss, sondern nur, dass Musik unter Anderem auch zum Lob des Herrn eingesetzt wurde und welche Musikinstrumente, die es damals schon gab, dabei zur damaligen Zeit zum Einsatz kamen.

Wer nun daraus ableiten will, dass nur jene Instrumente zum Einsatz kommen dürften, von welchen in der Bibel berichtet wird, der würde sich ganz schön wundern, wie wenig man damit nach heutigem Empfinden überhaupt musizieren kann, wurden doch die heute gängigen Musikinstrumente und die vielfältigen musikalischen Grundlagen unserer heutigen Musik erst ab dem 16. Jahrundert entwickelt.

Musik ist frei

Also: Musik ist frei, genauso wie der Glaube frei ist. Die Frage ist immer, wo die aktuelle Tätigkeit hinführt oder was sie aussagen soll. Spricht es nicht gegen das Evangelium, so kann es nicht falsch sein.

Nun gibt es auch Leute, nach meiner Beobachtung besonders in der Adventgemeinde, die folgende Gleichungen aufstellen:

Isebel = Priesterin der Astarte
Tempelmusik = Beischlafmusik = Jezebel-Musik
Jezebel-Musik = Jazz.

Das geht mir zu weit. Das steht auch so nicht in der Bibel, nicht einmal im übertragenen Sinne. Das wird hineingedichtet, hört sich vielleicht ähnlich an, aber das war schon alles. Es wäre genauso wie wenn man behaupten würde, nur weil jemand Barabas oder Judas heißt, sei er ein böser Mensch. Genau genommen ist dieses Gleichungen-Aufstellen ein pharisäisches Priestertum. Leider gibt es dieses überhebliche Priestertum in vielen Freikirchen, aber nicht nur dort. Sehr traurig.

So schießen heutige Christen genauso wie die Juden immer wieder weit über das hinaus, was Gott uns erlaubt oder verbietet, nur um ja nichts falsch zu machen ... man denke an die Juden, die auch heute noch daran festhalten, dass man am Sabbat nicht über Gras gehen dürfe, da man dabei ja Samen dreschen könnte ...

Geht so eine Art Musik Gott denn zu weit, auch wenn sie angeblich zu seinen Ehren komponiert wurde?

Würdest Du mir zustimmen, wenn ich der Überzeugung bin, dass wenn das Herz des Komponisten Gott liebt und er deshalb seine Gaben zur Ehre Gottes einsetzt, dann ist das selbstverständlich Lobpreis?

Jetzt gibt es aber auch wieder welche, die sagen: "Von Jazz steht aber auch nichts in der Bibel. Kann mir kaum vorstellen, dass die Psalmen mit Jazzmusik vorgetragen wurden."

Primitive Musik bis weit ins Mittelalter

Nun, da liegst Du gar nicht falsch, das liegt aber daran, dass die Musik damals praktisch noch gar nicht entwickelt war. Es gab ja nicht einmal noch eine vollständige Tonleiter, geschweige denn irgendwelche Akkorde. Die Rhythmik war auch noch gar nicht erarbeitet oder dokumentiert, weshalb es entweder nur ganze Noten gab und schon gar kein rhythmisches Maß vorhanden war. Zur Zeit von David und auch noch zu Zeiten von Jesus gab es nur Melodien, die eintönig gesungen wurden, also auch keinen mehrstimmigen Chorsatz. Am ehesten vergleichbar war die damalige Musik mit heutiger einfachster Kindermusik. Viel öfter noch wurde Musik damals gar nicht strukturiert. Man hat einfach irgendwelche Töne intuitiv vor sich hin gesungen oder gespielt, ganz ohne wiederholbare Struktur. Notenschreibung gab es damals auch noch keine, weshalb es auch keine Überlieferung dieser Musik gibt und weshalb das damalige Musizieren sehr profan war und bereits aufgeführte Musik auch niemals genauso reproduzierbar war, wie sie zuvor aufgeführt wurde. Musik war ein Augenblicksgeschehen und nicht wiederholbar, da es keine Aufzeichnungsmöglichkeit für musikalische Strukturen gab, weder für Tonhöhen, noch für rhythmische Elemente.

Zu Anfang nur 4 Töne

In der Zwischenzeit kannte man zuerst nur 4 Töne im Quartenumfang. Später entwickelte man noch die Fünftonmusik. Das ist die sogenannte Pentatonik. Diese ist sehr fehlertolerant und das Musikspiel auf der Pentatonik hört sich im Musikkontext praktisch immer ok an. Auch im heutigen Jazz ist die Pentatonik deshalb noch weit verbreitet.

Oktav-Tonleitern erst ab 1600

Ab ca. 550 v.Chr. fand der Mathematiker Pythagoras heraus, dass sich Töne im Abstand von bestimmten Abständen in unseren Ohren gut anhören. So gab es zu Anfang nur ungestimmte Instrumente, die 1-2 Töne wiedergeben konnten, später nur 4-tönige Tonleitern auf Quartenbasis. Die Hebräer hatten z.B. Widderhörner als „Posaunen“, mit welchen nur zwei Töne im Quartenabstand gespielt werden konnten (Martinshorn). Ebenso konnten auf den „Trompeten“ der Hebräer nur diese zwei Töne im Quartenabstand gespielt werden. Doch erst im frühen Mittelalter entwickelte man dann siebentönige Tonleitern im Oktavumfang und auch enstprechend weiterentwickelte Musikinstrumente, die diesen Tonumfang wiedergeben konnten. Erst im 16. Jahrhundert wurden dann die Dur- und Moll-Tonleitern aufbauend auf die nun vervollständigte zwölftönige Tonleiter entwickelt, die wir heute auf den meisten Instrumenten haben (weiße und schwarze Tasten auf dem Klavier z.B.). Dadurch erst wurde es möglich, auch Akkorde, also gleichzeitig gespielte, mehrere Noten zusammenzufassen. Ab dieser Zeit war es dann auch möglich, mehrstimmigen Chorsatz zu entwickeln.

Zu der Zeit als die Mehrstimmigkeit aufkam wurde auch diese zuerst als teuflisch bezeichnet, später wurden dann nur noch die Septakkorde als teuflisch bezeichnet, auch diese finden sich in der heutigen adventistischen und freikirchlichen Musik. Ohne sie würden wir heutige Musik total langweilig finden. In der gängigen adventistischen Musik gibt es auch etliche gerne gesungene Lieder, die auch Synkopen enthalten, welche von heutigen Gegnern der modernen Musik in der STA auch abgelehnt werden, weil sie angeblich die  e stören sollen, was ich für völlige Panikmache halte.

Als die Eisenbahn gebaut wurde, hat man auch gedacht, dass Menschen die in einem Fahrzeug sitzen, das schneller als 30 km/h fährt, einen bleibenden psychischen Schaden nehmen würden. Natürlich auch ein totaler quatsch, wenngleich manche trotzdem hinter dem Steuer überheblich werden. Nicht wegen der Geschwindigkeit, sondern wegen der Isolierung voneinander ... Egoismus ... hier habe nur ich das Steuer in der Hand ... versteht sich ...

Deutlich erweiterte Ausdrucksmögichkeiten

Die Jazzmusik hat die Akkordsystematik noch deutlich erweitert, wodurch ein wesentlich reicheres Klangbild entsteht und auch die rhythmische Seite der Musik hat eine deutliche Weiterentwicklung erhalten. Insgesamt wurde durch die Jazzmusik die größte neuzeitliche Weiterentwicklung der Musik begründet und die Ausdrückbarkeit von Gefühlen durch die Musik nocheinmal erheblich erweitert.

Wie gesagt, weder die Erweiterung von Pentatonik zur zwölftönigen Tonleiter, noch die Einführung von mehrstimmigen Sätzen noch die Jazzmusik sind für sich schädliche Elemente oder vom Teufel, sondern einzig und allein ist immer die Schädlichkeit von etwas dadurch bestimmt, wie es angewendet wird und nicht ob es angewendet wird.

Elemente des Jazz in der Gemeindemusik

Wenn Du meinst, dass Jazzmusik schädlich ist, dann solltest Du aber schnell auch die Liederbücher der Adventgemeinde wegwerfen und nur noch Quartenmusik mit ganzen Noten singen, was Dir aber bald sehr langweilig werden würde. Denn diese Art von Musik war die Musik zur Zeit, als die Bibel geschrieben wurde. Nichteinmal "Alle meine Entchen" wäre zu jener Zeit darstellbar gewesen, da es auf einer siebentönigen Tonleiter geschrieben ist.

Wir können also sehr dankbar sein, dass es die Jazzmusik gibt und dass in etlichen Liedern der Adventgemeinde auch Elemente daraus einzug hielten, wenn auch noch sehr zurückhaltend. Gott gab uns die Gabe der Kreativität. Wenn wir sie zu seinen Ehren einsetzen, ist alles gut.

Beispiele

Hier der Link zu einem Jazzstück, das ich zur Ehre unseres Herrn komponiert habe:
The Peace of the Lord und hier die Klaviernoten. Franz Neumeier, der Mann, der mir sehr sanftmütig und geduldig über den Zeitraum von drei Jahren während gemeinsamer Jazz-Sommerkurse von Jesus und der Bibel erzählte, schaffte es, dass ich am Ende selbst die Bibel gelesen habe und zum Glauben kam. Er war auch mein Täufer. Franz ist übrigens der Saxofonist in „The Peace of the Lord“.

Und hier noch ein Link zu einem weiteren sehr vorzeigbaren Jazzstück, das für stille Momente im Gemeindeleben geeignet ist. Es zeigt exemplarisch, dass natürlich auch der Einsatz von Schlagzeug sehr gefühlvoll erfolgen kann und nicht kategorisch Gottes Ehre widersprechen muss: „Silent Way“. Wer gerne Klavier spielt findet hier die Klaviernoten dazu, von mir transskribiert.

 

Gelobt sei JeHoWáH, der Vater und der Sohn!

In Ewigkeit.
Amen!

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